Hyrox statt Hive


    KOLUMNE    Grüezi Züri!


    Sonntagmorgen, 8.30 Uhr. Verschlafen stehe ich am Bellevue. Ich muss an eine Vereinssitzung – eine dieser Verpflichtungen, die einen plötzlich sehr erwachsen fühlen lassen. Ich bin geschminkt, habe für die «Tätschmeisterin» sogar noch Tulpen organisiert und tatsächlich noch übrige Zeit für einen Coffee to go. Wow, bin ich erwachsen, denk ich mir.

    Beim Warten fällt mir auf, wie viele Leute an einem Sonntag um diese Uhrzeit schon unterwegs sind. Vielmehr noch: Wie viele bereits in Vollmontur am Joggen sind. In den paar Minuten, in denen ich dastehe, rennen gleich mehrere Gruppen an mir vorbei. Und zwar nicht gemütlich, sondern mit solidem Tempo.

    Versteht mich nicht falsch: Ich jogge ebenfalls fürs Leben gerne. Vier Marathons habe ich hinter mir. Ich weiss, wie sich das anfühlt. Und trotzdem beschleicht mich ein Gedanke: Die meisten dieser Menschen, die schon am frühen Sonntagmorgen übers Bellevue galoppieren, werden heute nicht einfach nur laufen gehen. Sie werden danach ihren Matcha Latte trinken, ihre Schritte tracken, vielleicht noch ins Yoga oder ins Gym. Alkohol? Dem haben sie abgeschworen. Ist ja schliesslich Gift.

    Was sich hier zeigt, ist mehr als nur Sport. Es ist ein Lebensstil. Sie alle sind dem regelrechten Gesundheitswahn, der unsere Gesellschaft – und vor allem auch Zürich mittlerweile fest im Griff hat – verfallen. Statt «eis go go zieh» geht man am Freitagabend in einen Keramik-Workshop oder früh schlafen. Am nächsten Tag steht schliesslich der Longrun oder die «Cycling-Tour» an. Kater kennt keiner, Muskelkater dagegen kennen alle.

    Auch die Sportangebote haben sich verändert. Aus hundskommunen Fitnesskursen sind inszenierte Erlebnisse geworden. Beim Cycling fühlt man sich wie im Club, weil Musik und Lichter derart reinballern, dass man fast vergisst, dass man gerade am Sport machen ist. Danach wäscht man sich mit überteuerter Seife die Hände und fühlt sich gleich doppelt gereinigt – körperlich und moralisch. Jeder Anbieter will noch exklusiver, noch spezieller, noch mehr «Premium» sein.

    Und natürlich sind es längst nicht mehr einfach Kurse oder Gruppen. Es sind «Communities». So nennt man das heute, vorzugsweise auf Englisch. Genau wie die Websites. Sonst müsste man ja noch Deutsch können. Das Publikum: international, erfolgreich, gut trainiert. Man trifft sich nicht mehr zum Apéro, sondern zum gemeinsamen Leiden. Burpees statt Bier. Für die ganz «Wilden» gibt es mittlerweile sogar Workouts im Hive, mit anschliessendem «Feiern». Ob oder wer dafür noch bleibt, steht in den Sternen. Bei vielen scheint mir nämlich das Motto «Hyrox statt Hive» zu lauten.

    Einfach gesagt: Es geht schon lange nicht mehr nur um Sport oder darum, sich fit zu halten. Es ist ein ganzer Lifestyle geworden. Oder besser gesagt: Mehr Schein als Sein.

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    de-vizzi@zuerizeitung.ch


    ZUR PERSON: Carla De-Vizzi ist Kommunikationsspezialistin mit journalistischem Hintergrund. Seit zwei Jahren arbeitet sie in einer Kommunikationsagentur in Zürich. Sie studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit Nebenfach Politik an der Universität Zürich und absolvierte anschliessend einen Master of Science in Corporate Communication an der Universität von Amsterdam.

    Carla De-Vizzi lebt im Kreis 7 der Stadt Zürich und ist stolze Zürcherin. In ihrer Freizeit läuft sie Marathon.

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